Verbiss und Schäle – die ökologische Sicht

Viele Jahre lang wurden dem Rothirsch vor allem zwei Rollen zugebilligt: ein Waldschädling auf der einen und Krone des Waidwerks auf der anderen Seite zu sein. Doch bei der Diskussion um Wald und Wild kam ein wichtiger Aspekt immer zu kurz: Welche ökologische Rolle übernehmen Hirsch & Co. eigentlich in der Natur? Aus Sicht der Ökologie sind das Schälen von Baumrinde und der Verbiss von jungen Bäumen kein Schaden, sondern schlicht eine Fraßeinwirkung des Wildes auf seine Umwelt. Durch das Fressen oder auch das Zerschlagen von jungen Bäumen mit den Geweihen entstehen verkrüppelte, buschartige Bäume, die die Artenvielfalt im Wald sogar erhöhen können. Denn so werden offene Bereiche in Wäldern frei gehalten und damit lichtliebende Pflanzenarten gefördert. Durch Verbiss buschig und dicht wachsende Bäume bieten ideale Nistplätze für manche Vogelarten. Spechte nutzen besonders gerne durch Schäle geschwächte Bäume für ihre „Zimmermannsarbeit“. Auf die so entstehenden Höhlen sind wiederum über 50 Tierarten als „Nachmieter“ angewiesen.

 Von hier nach dort – Wildtiere als Spediteure für Artenvielfalt

Als Spediteure der Artenvielfalt transportieren große Wildtiere wie Rothirsche verschiedenste Pflanzensamen in ihrem Fell, über Kot sowie an ihren Hufen. Pflanzensamen können zum Beispiel bei einer Wanderung zu den Brunftplätzen über 100 km weit befördert werden.

Suhlen und Schlagen – Strukturvielfalt durch Leben und Vergehen

Durch das Suhlen und Aufwühlen von feuchtem Boden entstehen neue Lebensräume für Wasserinsekten oder Laichplätze für Libellenarten. Selbst das ausfallende Winterfell des Schalenwildes findet seine Abnehmer – viele Vogelarten nutzen es für den Nestbau. Abgeworfene Geweihstangen sind durch ihren hohen Kalzium- und Phosphorgehalt vor allem bei zahlreichen Nagetieren beliebt. Und auch der Tod hat seine Funktion: Die Kadaver von verendetem Wild dienen vielen Tierarten als Nahrung.

ÖkoArtCervus

Recherche ökologische Funktion RothirschDie Deutsche Wildtier Stiftung hat aus Anlass ihres 8. Rotwildsymposiums in Baden-Baden im Jahr 2016 eine Literaturzusammenfassung zur ökologischen Funktion des Rothirsches veröffentlicht. Die Studie mit dem Titel „ÖkoArtCervus“ gibt einen Überblick über die komplexen ökologischen Zusammenhängen von Rotwild und anderen Huftieren und ihrer Umwelt und beschreibt ihren Nutzen für Artenvielfalt und ökologische Prozesse.

Aus ökologischer Sicht verursachen Huftiere keine Schäden, sondern Störungen. Beweidung und Tritt durch Rothirsche und andere Huftiere sind Störungen, die sehr häufig Ausgangspunkt für besonderen Artenreichtum und Biologische Vielfalt sind. Ein wichtiger Bestandteil ökosystemarer Prozesse ist außerdem die Zersetzung und der Abbau von tierischen Abfallprodukten – also von Aas und Kot. Neben diesen Themen beschreibt die Broschüre den erheblichen Effekt, den Huftiere durch die sogenannten Zoochorie auslösen, also durch die Verbreitung von Samen in Fell (Epizoochorie) und mit dem Kot (Endozoochorie).

Inhalt

1 Schaden und Nutzen – eine Einleitung
2 Beweidung: Baumaßnahme des Artenreichtums
   2.1 Einfluss von Beweidung auf Vegetationsgesellschaften
   2.2 Einfluss von Beweidung auf die Fauna
3 Mit Schalen und Hufen: Vielfalt durch Störung
4 Zoochorie: Die Spediteure der Artenvielfalt
5 Aas und Kot: Orte voller Leben
6 Fazit

Literatur

Die in der Broschüre „ÖkoArtCervus“ verwendete Literatur finden Sie hier.

Die Broschüre können Sie per Mail an rothirsch@DeWiSt.de oder per Telefon (040 9707869-0) kostenlos bestellen.

 

Der Hirsch als Retter der Artenvielfalt?

Die vielfältigen ökologischen Wirkungen von großen Wildtieren zeigen: der Rothirsch ist mehr als ein Waldschädling oder eine Jagdbeute! Rotwild ist wie alle anderen Tierarten auch ein Schlüssel für das Funktionieren unserer Natur. Deshalb ist Fairness gegenüber den großen Wildtieren nötig. Das hat nichts mit Überhege oder hohen Tierzahlen zu tun. Fairness äußert sich darin, die Wirkungen unserer Schalenwildarten auf Wirtschaftswälder und Agrarlandschaften nicht allein mit der ökonomischen Brille zu betrachten. Können wir von einem Rudel Rotwild, das durch den immer weiter steigenden Bejagungsdruck Tag und Nacht in den Dickungen steht, erwarten, dass es hungert? Fair wäre es, Schalenwild als einen natürlichen Standortfaktor wie Bodengüte oder Klima zu akzeptieren. Fair wäre es, dem Rothirsch das gleiche Lebensrecht einzugestehen wie Weißtanne, Schwarzspecht und Baummarder.

 

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Cover Wild im Wald
Wild im Wald – Rothirsch und Co. als Retter der Artenvielfalt?